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348 Tage Bolivia- Gehen, wenn es am schönsten ist

Es ist also tatsächlich dieser Moment gekommen. Zu Beginn noch unglaublich weit weg und nicht vorstellbar, mit jedem Monat der ins Land zog greifbarer, und gegen Ende hin wie im Fluge vergangen. Unter Tränen habe ich damals Deutschland verlassen, unter Tränen habe ich mich schon jetzt von guten und liebgewordenen Freunden verabschieden müssen. Und auch in mein Sopachuy, in mein zu Heimat gewordenes Dorf fahre ich grade tatsächlich zum letzten Mal. Ein vorerst letztes Mal fahre ich die viereinhalb Stunden Weg dem grünbewachsenen, von zwei Flüßen umrandeten friedlichen Tal entgegen, und nehme alles nochmal bewusst war, was mich doch ein ganzes Jahr lang begleitet hat. Die typische Flotamusik die immer in den Bussen läuft, das Quechua der Beifahrer, die kalte, durch die nicht ganz schließenden Fenster eindringende Luft, der Geruch nach Cocablättern, die weiten, oft unbewohnten Ebenen, die unendliche Schönheit, und doch auch Armut dieses Landes.
Ist es Zeit, schon vollends Resumee zu ziehen? Ich glaube nicht. Obwohl es nur noch 11 Tage bis Abflug sind, und mein gesamtes Zimmer schon ausgeräumt ist, genieße ich noch so viel und bewusst es geht. Ich bin nicht sicher, ob es mehr Wehmut oder Freude über die baldige Abreise ist, zu sehr ist dieses Land zu Heimat geworden, als dass ich mich nur freuen könnte zu gehen. Und doch weiß ich natürlich auch, dass mich viele unglaublich liebe Menschen, Brüder, Freunde und Bekannte, erwarten, und auch das normale Leben wieder seinen Lauf nehmen muss. Wie meine engen Freunde aus Deutschland mich immer wieder gern erinnern: Man soll gehen, wenn es am schönsten ist.
Ich schreibe extra nur Brüder, da ich meine Eltern seit mittlerweile fast schon wieder 2 Wochen um mich habe und mit ihnen gemeinsam das Land unsicher mache. Zugegebenerweise durchaus wieder sehr ungewohnt, aber eine sehr schöne Erfahrung, meiner Familie meine neue Heimat und Freunde vorstellen zu können, einen kleinen Einblick in mein Leben geben zu können. Und doch ist in diesen 12 Monaten so viel passiert, haben sie so viel geprägt und bewegt, was ich nicht in Worten festhalten kann.
Was den großen Unterschied zu meinem Abschied damals aus Deutschland macht? Ich weiß nicht, wann ich zurück komme, und Freunde und Bekannte wieder sehe. Ist es ein Abschied für immer? Ich glaube nicht, so Gott will. Was ich mit Sicherheit weiß, ist, dass es eines der schönsten, aufregendsten und lehrreichsten Jahre meines Lebens war, und ich dankbar bin, für jeden Augenblick den ich hier verbringen durfte, in dem ich die Freiheit genießen konnte, nicht nur über den Tellerrand zu schauen, sondern ihn zu überspringen, um Fuß fassen zu können in einem Land und einer Gesellschaft, die meiner und der unseren doch so unterschiedlich ist.

Wir brauchen eure Hilfe!

Hallo ihr alle,

wie im Flug ist mein Jahr in Bolivien vergangen, es bleibt nicht mehr viel Zeit und es heißt Zelte abbrechen in der neuen Heimat. Nichtsdestotrotz wollen wir uns neben Organisation unserer Verabschiedungsfeier, letzten Reisen und Planung unserer Zeit wieder in Deutschland noch etwas dringend Notwendigem und Nachhaltigem widmen.
Ein wichtiger Ort meiner Grundschule Juan Vossing, ich habe berichtet, sind die großen Spül- und Waschbecken auf dem Schulgelände. Die fleißigen Leser meines Blogs werden wissen, dass es fast jeden Tag eine warme Mahlzeit in Tellern gibt, die natürlich auch gespült werden müssen. Diese Aufgabe erledigen die Kinder tagtäglich in besagten Waschbecken, die allerdings ihre beste Zeit schon hinter sich haben.
An vielen Stellen sind die Becken und auch Toiletten kaputt, so dass Wasser ausdringt und verschwendet wird. Auch ich habe in meinem Jahr hier nochmal ganz neu gelernt, was Wasser wert ist. Die Dürre die wir dieses Jahr in Bolivien hatten, durch die ganze Rinderherden elendig starben und Ernteverluste in unglaublichem Ausmaß verbucht werden mussten, war eine gute Lehre, auf dieses, unser kostbarstes Gut, noch viel besser aufzupassen und es nicht zu verschwenden.
Doch nicht nur, dass Wasser verschwendet wird, durch kaputte Rohre und Leitungen kommt das Wasser auch verschmutzt aus den Leitungen, was bei den Kindern zu Krankheiten führen kann. Das Rathaus, dessen Aufgabe es eigentlich wäre, die Leitungen zu ersetzen, sieht sich nicht im Stande die rund 1.000€ dafür aufzubringen.

Und genau hier kommst Du ins Spiel.
Auch uns sind als vier Freiwilligen ohne Einkommen finanzielle Grenzen gesetzt, weswegen wir uns über Spenden aller Größe freuen würden, um in dieses nachhaltige Projekt in meiner Grundschule zu investieren. Um das Projekt noch selber mitbetreuen zu können, wäre es schön, wenn ihr bis spätestens Anfang Juli den Entschluss fasst, uns durch finanzielle Gaben unter die Arme zu greifen, um dieses Projekt auch tatsächlich in die Tat umsetzen zu können.
Konkret sieht das so aus, dass ihr an mein DKB Konto mit dem Vermerk „Sanierungsprojekt“ überweist, und ich das Geld dann natürlich nur für diesen Zweck weiternutzen werde. Schreibt mir nur kurz eine Nachricht, um euch die Kontonummer weiterzugeben.
An dieser Stelle auch nocheinmal einen herzlichen Dank an all die, die bereits auf mein DRK Konto überwiesen haben, und so mein Auslandsjahr überhaupt erst möglich machen, mir die Möglichkeit gegeben haben, ein Land so gut kennen und lieben zulernen, dass es den Titel Heimat verdient hat.

Danke für euer Interesse und eure Unterstützung,

Eure Ariane

P.S. : . Mit wem ich hier eigentlich seit 10 Monaten zusammenlebe? Schaut doch mal auf ihren Blogs vorbei: Ann-Sophie (as-blog.wiskom.com), Peter (peterbolivien.wordpress.com) und Sara (sarafuccio.wordpress.com)

Bolivien im Zeichen des Unabhängigkeitskrieges

Der Jahrestag der Revolution von 1809 gegen die spanische Monarchie in Lateinamerika, die ihren Startpunkt in Sucre, Bolivien, hatte, wird diese Woche feierlich begangen. In meinem letzten Beitrag habe ich berichtet, welch wichtigen Platz das Basteln hier in Bolivien zu jedem erdenklichen Zeitraum einnimmt. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich es gut geschafft, da recht weit drumherum zu kommen, bis es mich dann vorgestern doch auch erwischt hat.
Fast jede Schule in Bolivien hat ihre eigene Schulband, die mit Pauken, Trommeln, Trompeten, Glockenspielen und Hörnern fast wie in Deutschland ausgerüstet sind. Einzig die doch recht ansehnliche Anzahl von Panflötenspielern, die man in deutschen Orchestern doch wahrscheinlich eher mit einer Wahrscheinlichkeit von gegen null gehend antreffen würde, gibt hier den lateinamerikanischen Anstrich. Durch Spenden hat seit diesem Jahr auch meine Schule Juan Vossing eine solche Schulband, die diesen Donnerstag ihren ersten Auftritt, ihren ersten Marsch durchs Dorf haben soll. Dieser Tag, der 25.5., ist allerdings kein Tag wie jeder andere, sondern der Feiertag Chuquisacas, des Departamentos, sowas wie Bundesland, in dem sich auch Sopachuy befindet.
Kurz zur Historie dieses Tages: Gefeiert wird er heute als Tag des ersten Schreis des Unabhängigkeitskampfes. Nach dem Eintreffen des Eroberers Pizarro in Bolivien im Jahr 1532 und dem damit verbundenen jähen Untergang des Inkareichs, beginnt eine über Jahre andauernde Zeit der Unterdrückung der indigenen Bevölkerung. Die Spanier gründen in der Region des heutigen Perus 1542 das Vizekönigreich Peru, dem Bolivien unter der Bezeichnung Hochperu zugeordnet wird. Grade Bolivien sollte sich für die Spanier sehr auszahlen, da die Silberminen Potosis für zwei Jahrzehnte die Staatskassen füllten und den Staatshaushalt fast vollständig finanzierten. Vor zwei Wochen konnte ich mir allerdings selbst ein Bild der unmenschlichen Arbeits- und Lebensumstände in den Minen Potosis machen, wegen derer die indigene Bevölkerung innerhalb von wieder zwei Jahrzehnten auf die Hälfte ausgedünnt wurde. Kein Wunder also, dass es schon früh und immer wieder Aufrufe zu Umstürzen der bestehenden Verhältnisse gab, die jedoch alle niedergeschlagen wurden. Erst der Ruf nach Autonomie in Sucre vom 25. Mai 1809 kann schließlich den großen Freiheitskampf im gesamten Land gegen die spanische Monarchie entzünden. Nicht nur im heutigen Bolivien, sondern auch in anderen lateinamerikanischen Staaten wird unter der Führung Simón Bolívars, richtig erkannt, nach ihm ist dieses Land benannt, der Freiheitskampf gegen die Spanier erfolg- und siegreich weiter geführt.
Exkurs zum Namen Bolivien: Republica de Simón Bolívar ist der Name den dieses Land das erste Mal am 6. August 1825 ausrufen ließ, was später zu Bolivien verkürzt wurde. Doch auch Sucre, heutige konstitutionelle Hauptstadt, hat seinen Namen dem Nachfolger Bolívars, Antonio José de Sucre zu verdanken.
Jetzt aber genug von Geschichten vergangener Tage. Warum ich das überhaupt alles erzählt habe? Um diesem Tag die nötige Ehrerbietung darzubringen, werden am Donnerstag, am regionalen Feiertag Chuquisacas, im gesamten Departamento Märsche von Militär und Schulen durchgeführt. Auch Sopachuy steht dieser Tradition nach Aussagen aller natürlich in nichts nach, weswegen die Schulband also gebührend geschmückt werden musste. Da keine Zeit mehr war, eine Uniform herstellen zu lassen, musste wieder die Heißklebepistole und das goldene Moosgummi herhalten. Für 54 Kinder, also 108 Schultern mussten goldglitzernde Schulterklappen angefertigt werden, die der Band am Donnerstag als Uniform dienen sollen. Um diese Aufgabe zu bewältigen musste sich also am Nachmittag die gesamte Lehrerschaft mitsamt Scheren, Kleber und allem weiteren einfinden, um der Band später ein Aussehen geben zu können, mit dem man sich auf der Straße zeigen könne. Und dieses Mal war auch ich mitten drin im Bastelwahnsinn von 108 goldglitzernden Schulterklappen.

Von goldenem Moosgummi, Rüschen und Krepppapier

Eine ganz wichtige Beschäftigung, aus dem Arbeitsalltag von Lehrern und sogar Ärzten nicht wegzudenken, ist das Basteln. Im Krankenhaus widmen sich die Ärzte der Erstellung von großen Plakaten auf denen unter anderem Ernährungspläne, Statistiken und sonstige Ankündigungen verewigt werden. Bei diesen Plakaten handelt es sich allerdings nicht um einen kleinen Arbeitsaufwand, da diese künstlerischen Aktivitäten immer mit sehr viel Herzblut ausgeführt werden. Anstatt einen Text auszudrucken und komplett aufzukleben, werden für ganze Wörter die Buchstaben auf weißem Papier einzeln ausgedruckt und ausgeschnitten, dann auf gold-glitzerndes Moosgummi aufgeklebt, diese dann wieder ausgeschnitten, am besten noch mit einer Wellenschere, das weiße Papier dann wieder abgezogen und der goldglitzernde Buchstabe schließlich auf Pappe aufgeklebt. Jedes Plakat wird dann noch, egal wie groß es ist, mit einem Rahmen aus Rüschen, Glitzer oder Krepppapier verziert, bis man schließlich zum letzen Schritt, dem einlaminieren kommt. Hierfür nutzt man allerdings nicht, wie man vielleicht denken könnte, ein Laminiergerät, sondern laminiert, indem man ein Plakat mit einzelnen Streifen von breitem durchsichtigen Klebeband, Scotch, beklebt. Für diesen Wahnsinn kann dann gut mal mindestens ein kompletter Arbeitstag, manchmal auch eine komplette Woche während der Arbeitszeit, draufgehen. Auf den Fotos habe ich ein paar Plakate der Ärzte von einer Gesundheitsmesse bei uns im Dorf festgehalten.
Auch in der Schule nimmt das Basteln einen Raum ein, den ich teilweise immer noch nicht fassen kann. Jeden Montag gibt es fest eingeplant ein offizielles Programm, das jede Woche neu von einem anderen Lehrer vorbereitet werden muss. Traditionell wird hier zu Beginn immer die Nationalhymne gesungen, wozu parallel die Landesflagge gehisst wird. Danach wird ein Gebet gesprochen, die Lehrerin, die die Verantwortung über das Programm hat, spricht ein Thema wie Familie, gutes Verhalten oder Respekt an, um den Kindern ins Gewissen zu reden und schließlich spricht auch der Direktor noch einige Worte. Beim Lied der Schule, welches dann auch noch angestimmt wird, wird zu Ehren des Namensvetters der Schule die deutsche Flagge gehisst, und schließlich zum Lied des Meeres in die Klassenräume marschiert. Um dieses Programm für die Lehrer festzuhalten, überbieten sich die verantwortlichen Lehrer jede Woche neu mit dem Basteln des Programms für um die 18 Lehrer. Kommen dann noch Feiertage, wie z. B. der Tag des Baums oder der Flagge dazu, werden nochmal unabhängig von den wöchentlichen Bastelexzessen zusätzliche Programme angefertigt. Diese Programme werden mit so viel Liebe und Hingabe gestaltet, dass eine der Lehrerinnen sogar alle als Schmuck bei sich im Haus an der Wand hängen hat.
Es gibt in der Schule zwar eigentlich auch das Unterrichtsfach Werken oder Kunst, aber auch hier erledigt die Lehrerin den Großteil der Bastelarbeiten der Kinder, diese selbst werden gar nicht so aktiv. Zu Ehren des Tages der Arbeit am 1. Mai wurde das Basteln aber dann tatsächlich doch mal an die Kinder abgegeben, die passend zum Thema, man mag es kaum glauben, Plakate vorbereitet hatten. Um das gebührend zu feiern, wurden die Plakate jedes einzelnen Kurses zu Beginn des Tages in der Schule ausgehängt und von einer Jury bewertet. Bis dann schließlich die ersten drei Sieger ihre Prämien, einen Kuchen überreicht bekommen hatten, war die gesamte erste Stunde, also 90 Minuten, vergangen.
Schön ist daran aber doch, dass alle viel Freude am handwerklichen Arbeiten haben, und damit bestimmt ihre Kreativität fördern.

20 kg Linsen, 14 kg Kartoffeln, 500 Leute

Es gibt viele Filme über Helden, die sich an verschiedenen, oft übermenschlichen, Superkräften nur so überbieten und den Zuschauer staunen lassen, welche Möglichkeiten die heutige Filmindustrie hat. Doch es gibt auch viele Menschen, die man nie als Helden beschreiben würde, geschweige denn einen Film über sie machen würde, obwohl sie für zehn arbeiten und über sich hinauswachsen müssen, für eine Arbeit, die keiner besonders würdigt.
Ein wichter Bestandteil des Schulalltags in Bolivien ist das Schulfrühstück. Selbst in jeder noch so kleinen Außenschule ist mindestens eine Mutter dafür verantwortlich, dass die Kinder jeden Tag gegen 9:30 etwas zu essen bekommen. Jeden Tag gibt es in meiner Schule um die 510 Münder, die darauf warten, etwas zu essen zu bekommen. Diese Zahl setzt sich durch die Schüler, 18 Klassen a ungefähr 23 Schüler in der Grundschule und 3 Klassen im Kindergarten a 25 Schüler und die Lehrer zusammen. Diese sind die 18 Klassenlehrer, plus die Schulleitung und Lehrer, die keine Klassenlehrer sind, zusammen.
Bei mir im Dorf gibt es einen festen Speiseplan, der alle zwei Wochen wieder von vorne beginnt. Auf diesem stehen unkomplizierte und unaufwendige Dinge wie Brot, welches von einer Bäckerin gebracht wird, mit Yoghurt aus der Plastiktüte, oder heiße Schokolade aus Wasser. Zwei Mal die Woche wird allerdings ein richtiges Essen zubereitet, z.b. Reis mit Sardinensalat oder ein Guiso de Fideo, was in die Richtung von einem Nudelsalat geht. Mein absolutes Highlight in den zwei Wochen war allerdings immer schon der Guiso de Lenteja, ein Linsengericht. Für mich stand fest, dass ich einmal komplett am Zubereitungsprozess für dieses Gericht dabei sein wollte. Dass ich dafür 8 Stunden meiner Zeit investieren und um 4 Uhr aufstehen würde, war mir da noch nicht bewusst gewesen.
Völlig unbedarft, freudig gespannt darauf, was ich mit der Köchin lernen würde, ging ich am Vortag des Linsentages also in die Schulküche, wo mich jeweils 6 Kilo Zwiebeln und Karotten und 14 Kilo Kartoffeln erwarteten um geschält und kleingeschnitten zu werden. Geschlagene 4 Stunden später waren die Köchin, ihre Mutter und ich damit endlich fertig, und machten uns daran, für den nächsten Morgen schonmal die 20 Kg Linsen einweichen zu lassen.
Nach diesem Vorbereitungswahnsinn ging es am nächsten Morgen um 4.30h weiter, die vorbereiteten Lebensmittel warteten darauf weiter verabeitet zu werden. Der Hunger hat keine Gnade mit der Köchin, die sich drei Mal die Woche um 4h morgens, in teilweise schon großer Kälte, von ihrem Haus in dunkelster Nacht auf den Weg zur Schule durch das völlig menschenleere Dorf machen muss. Auch ich stand um diese Zeit also auf der Matte und wir machten uns daran, das Gemüse zu kochen und Wasser aufzusetzen.
Wasser aufsetzen ist ja eigentlich keine große Sachen und wäre nicht der Rede wert. Ein wichtiger Aspekt den man allerdings nicht vergessen darf, ist das Feuer. In der Küche gibt es eine Adobefeuerstelle in der man erst das Feuer entzünden und anfachen muss, damit dieses schließlich die mindestens 80l fassenden Töpfe erhitzt. Damit das Feuer seinen Dienst tut, muss man also neben dem Zubereiten der 500 Teller auch immer noch Holz nachschieben und das Feuer schüren. Unendliche Eimer an Wasser mussten dann in die großen Töpfe geschüttet werden, die zu erhitzen es auch noch mal gedauert hat. In diesen wurden dann erstmal die 24 kg Reis angebraten und gekocht, danach die Linsen.
Gegen 8:30h war dann endlich alles fertig, die riesigen Töpfe stehen um diese Zeit schon bereit, damit die Schüler Klasse für Klasse das Essen abholen können.
Ein mal ganz anderer Arbeitstag, an dem ich unglaublich beeindruckt wurde von der Kraft der zierlichen Köchin und der Härte ihrer Arbeit. Sie ist mein ganz neuer persönlicher Held.

Zeitungsbericht über mein Auslandsjahr

Bereits kurz vor meiner Ausreise nach Bolivien war sowohl in der Mainspitze, als auch im Rüsselsheimer Echo, den zwei Zeitungen aus meiner Stadt, ein Bericht über mein anstehendes Jahr erschienen. Nachdem nun schon bereits 9 Monate seit meiner Abreise vergangen sind, ist im Echo ein zweiter Artikel, ein Interview, erschienen. Damit lässt sich wunderbar die Zeit bis zum nächsten regulären Eintrag überbrücken!

Von 12 Tellern bis Barock

Osterhasen, -eier und Schokolade sind die drei Begriffe, die im Gegensatz zu Deutschland, auf das bolivianische Ostern gar nicht zutreffen. Traditionell gibt es hier am Karfreitag 12 typische Teller, die alle im Laufe einer Mahlzeit verspeist werden. Die Zutaten der verschiedenen Teller sind alle sehr verschieden, so dass sehr vielfältige Teller zustande kommen. Verarbeitet wird außer Fleisch unter anderem Mais, Käse, Kürbis, Kartoffeln, Milch und Reis. Viel ungewohnter als die vielen Gerichte war allerdings das Fehlen der Traditionen, von denen ich nie gedacht hätte, dass sie mir so fehlen würden.
Wie ihr wisst, sind wir eine sehr musikalische Familie, und so war auch besonders die Osterzeit immer von einer Vielzahl von musikalischer Diversität geprägt. Durch das gesamte Haus tönten, dank meiner Mutter, zu diesem Fest immer Bach, Vivaldi, Händel und viele mehr. Die letzten Jahre habe dann auch ich immer dafür gesorgt, dass eine Passion, sei es von Bach oder anderen Komponisten, besucht wird. Parallel dazu haben wir außerdem auch immer selbst mit der Kantorei ein musikalisches Werk passend zu Ostern eingeübt. Dass es mir dieses Jahr viel mehr als gedacht gefehlt hat, ist mir erst aufgefallen, als ich mit zwei Freundinnen das Internationale Barockmusikfestival in Sucre besucht habe. Klassische Musik hat sich in Bolivien sehr schlecht bis gar nicht durchgesetzt, nie kommt man auch nur zufällig damit in Begegnung. Und doch gab es für vier Tage das Angebot dieses Festivals, welches man kostenlos besuchen konnte. Im Rahmes dieses Ereignisses erklangen Instrumentalwerke von Romero, Cunha, Boismortier, Scarlatti und Telemann. Glücklicherweise waren just am Karfreitag Vokalstücke auf dem Programm, die ich davor auch noch nie gehört hatte.
Mein Herz hat einen Sprung gemacht, als das Vokalensemble der „Casa de la Libertad“ mit geladenen Solisten ein Credo und Magnificat von Antonio Vivaldi vortrug. Die gesamte Zeit über saß ich mit einem Dauergrinsen, mein Glück kaum fassen könnend, vor dem Chor und genoß eine Musikqualität, die ich für mittlerweile schon fast neun Monate nicht gehört hatte. Das Dixit Dominus von Georg Friedrich Händel setzte meiner Freude die Krone auf, und sorgte für mich für ein vollkommen rundes Osterfest.
Ganz neu ist mir bewusst geworden, welch große Rolle die Musik in meinem Leben spielt, und wie sie es schafft, ein Gefühl der völligen Zufriedenheit zu schaffen, welchen Segen sie bringt.

„So singe ich von ganzem Herzen zu deiner Ehre- nie werde ich schweigen. Herr, mein Gott, für immer und ewig werde ich dich preisen.“ Psalm 30,13 Neue Genfer Übersetzung

Brillenprojekt „Lentes al Instante“

Bereits etwas länger her, und doch trotzdem immer noch interessant war meine Arbeit Anfang Februar. Nach meinem Zwischenseminar Ende Januar von meiner Entsendeorganisation Volunta aus, habe ich mich noch einmal einer ganz anderen Aufgabe gewidmet und mich als Optiker geübt. Meine bolivianische Partnerorganisation hat ein Projekt, welches sich „Lentes al Instante“ nennt. Unter dem Namen „Good Vision Glasses“ oder auch „One Dollar Glasses“ ist es in acht weiteren Ländern der Welt vertreten und seit ungefähr zwei Jahren auch in Bolivien.
Gemeinsam mit einer meiner Mitbewohnerinnen aus Sopachuy wurde ich angelernt, Personen allen Alters auf Kurz- oder Weitsichtigkeit zu messen. Wenn diese dann keine Hornhautverkrümmung haben, können wir ihnen direkt eine Brille anfertigen und mitgeben. Deswegen auch der Name „Lentes al Instante“, was soviel wie „Sofortbrille“ bedeutet. Diese schnelle Hilfe ist nur deswegen möglich, weil unsere Organisation in Santa Cruz eine Firma aufgemacht hat, in dem die benötigten Gestelle aus chirurgischem Stahl hergestellt werden. Dieses Material wird einigen von euch bekannt sein, es ist das Material welches man auch für Zahnspangen benutzt, der Draht, der an den Zähnen befestigt ist. Aus diesem Draht wird dann die Grundform gebogen, und ein Platz für die Gläser freigelassen. Diese wiederum werden bereits geschliffen angeliefert, im Minusbereich bis 8, und im Plusbereich bis 10. Es ist uns also tatsächlich möglich, auch bei stärkeren Augenschwächen helfen zu können. Die individuell benötigten Gläser können dann direkt in das bestehende Gestell eingeklippt werden. Fertig ist die Brille dann, wenn der chirurgische Stahl durch Biegen an den Kopf des Patienten angepasst wird.
Das System nach dem wir arbeiten, ist das, nach dem auch Augenärzte vorgehen. Wir haben eine Tafel, die in Augenhöhe vier Meter vom Patienten entfernt hängt, auf der ein großes E, welches in alle vier Richtungen gedreht ist, abgedruckt ist. Dargestellt wid dieses gedrehte E in verschiedenen Größen in unterschiedlichen Reihen, so dass wir anhand dessen, bis zu welcher Linie erkannt werden kann, wie das E gedreht ist, sehen, wie stark die Sehkraft ist. Ähnlich funktioniert auch das Prinzip wenn es um die Stärke einer Lesebrille geht. Hier haben wir verschiedene Sätze, die in verschiedenen Größen abgedruckt sind. Wenn die Patienten nicht lesen können, was grade bei Kampagnen auf Dörfern oft vorkommt, müssen wir danach gehen, ob die Schrift zumindest noch klar erkennbar ist, oder nehmen direkt Bilder aus z.B. Büchern zur Hand, und versuchen das Bild durch unsere Gläser schärfer werden zu lassen.
Spannend wird es auch immer dann, wenn ein Patient gar kein oder nur ansatzweise Spanisch und stattdessen nur Quechua spricht. Meist konnten wir uns von anderen Patienten die auch Quechua sprechen, oder einem unserer Mitarbeiter helfen lassen, aber oft mussten wir dann auch versuchen mit lediglich ein paar Brocken Sprachkenntnis ans Ziel zu kommen. Meine Fähigkeiten in Zeichensprache und Vorstellungskraft sind durch diese Arbeit noch deutlich besser geworden.
Diese Kampagne gab es schon öfter in Santa Cruz und El Alto, ich habe bei der Kampagne in Sucre und danach bei mir im Dorf in Sopachuy mitgearbeitet. Im Rahmen einer Kampagne werden die Brillen für Patienten von 12 bis 18 Jahre und ab 60 Jahren kostenlos ausgegeben. Für alle anderen kosten die Brillen 80 Bolivianos, was ungefähr 11 Euro, und auch für Menschen von hier sehr erschwingliche Preise sind, besonders im Vergleich zu Brillen von einem Optiker.
Nach der Kampagne bei uns in Sopachuy haben wir jetzt bei uns den vollständigen Verkauf der Brillen für alle Altersklassen im Dorf als Pilotprojekt bei uns gestartet. Jeden Freitag stehen zwei von uns vormittags und nachmittags jeweils drei Stunden bereit um die Patienten zu vermessen und danach Brillen auszugeben. Eine meiner Meinung nach schöne Abwechslung neben dem Englischunterricht in der Schule, da es eine sehr direkte Hilfe ist.

Quer durchs Latinoland – Teil II eines Gastbeitrages

Später ging es nach La Paz, mit knapp über 4000m der höchste Regierungssitz der Welt. Mit dem Bus versteht sich. Da die Stadt so hoch liegt und von Bergen umgeben ist, ergibt sich eine kreative Bauweise: Es wird da gebaut, wo Platz ist und noch etwas hinpasst. Am besten kann man dieses Tetris-Stadtkonzept vom Teleferico aus bewundern. Das ist eine Seilbahn, die über die ganze Stadt verläuft und mit der wir von einem Ende zum anderen fuhren. Diese Konstruktion wurde extra von Österreichern errichtet und darf seit dem als größtes urbanes Seilbahnnetz der Welt die Lüfte über LaPaz durchstreifen.

Ganz hoch hinaus ging es auch beim nächsten Highlight: dem Camino de la muerte – der Weg des Todes. Wer jetzt denkt, dass wir da sicher mit dem Auto runter sind, liegt falsch. Mit dem Fahrrad brettert man da innerhalb weniger Stunden von schneebedeckten 4700m auf wenige 1200m. In voller Montur setzten wir uns auf die Mountainbikes und runter ging es auf der asphaltierten Straße. Der Adrenalinkitzel wurde gekrönt von der unfassbaren Natur um uns herum. Schneebedeckte Berge bei so einem perfekten Wetter und einer unglaublichen Strecke, das ist schon schwer zu toppen. Aber das war noch nicht alles: Mit jedem Meter, den wir oben ließen, änderte sich die Umgebung. Immer mehr kam der Regenwald zum Vorschein. Und auch der Untergrund änderte sich. Der Asphalt wechselte zur Schotterpiste mit Steinen und Stämmen zwischendurch. Hier und da gab es auch Erdrutsche, die man nur zu Fuß überqueren konnte. Eine davon wird sich für immer in meinem Kopf abspeichern: Einer dieser Erdrutsche bestand nicht aus Geröll oder Steinen, sondern Schlamm. Viel Schlamm. Selbst der Guide war schon bis zu den Knöcheln eingesunken. Daher entschieden Ariane und ich uns es an einer geeigneteren Stelle nahe der Bergwand zu versuchen. Dort lag ein Stamm und der Teil danach sah getrocknet aus. Ariane ging vor bis zum Ende des Stammes. Mit dem nächsten Schritt wollte sie auf die feste Fläche laufen. Die war aber gar nicht fest. Mit einem Mal versank sie bis zur Hüfte im Schlamm. Irgendwie schaffte es Ariane dann doch daraus, wie die Beweisbilder zeigen. Das war auf jeden Fall die Story des Tages.
Aber auch der Rest wurde nicht verschont. Auf dem letzten Abschnitt befand sich ein Fluss, bei dem kein Schuh trocken blieb.
Am Ende der Tour warteten dann ein Pool, eine warme Dusche und ein leckeres Buffet mitten im Dschungel auf uns! Das war wirklich unglaublich wie im Film. Wer kann den schon von sich behaupten in Bolivien im Regenwald mit warmem Wasser geduscht zu haben? Das war schon echt etwas Besonderes.

Als wir wieder in LaPaz angekommen waren, spürten wir deutlich, dass eine solche
Mountainbiketour mit den günstigsten Fahrrädern nicht gerade zum körperliche Alltag gehört.
Besonders der gluteus maximus und die Handgelenke hatten sehr gelitten und auch die Wanderschuhe, die wir bis dahin 24/7 getragen hatten, waren in einem sehr wässrigen Zustand. Aber wir wären ja schließlich keine Backpacker, wenn das ein Problem für uns wäre. Mit Fön und Zeitungen bewaffnet, waren die Wanderschuhe sehr zu meinem Erstaunen am nächsten Mittag schon trocken.
Mit einem bolivianischen Freund von Ariane ging es nämlich per Teleferico nach El Alto, dem berüchtigten vorstädtischen Teil von LaPaz, der mittlerweile fast größer als die Stadt selbst ist. Dort findet regelmäßig ein riesengroßer Markt statt, auf dem man echt alles bekommt. Von Haushaltswaren über Autoersatzteile zu natürlich ungeklauten Smartphones, Kleidung und Schulbedarf war alles dabei. Da wir vor diesem Teil der Stadt sogar mehrmals von Einheimischen vor Taschendieben  gewarnt wurden, entschlossen wir uns mit leeren Rucksäcken dort hinzugehen.
In El Alto lebt der ärmere Teil der Bevölkerung von LaPaz und zudem ist die Kriminalität hier sehr hoch. Deshalb war es sehr praktisch, dass wir zwei nicht alleine, sondern eben mit einem einheimischen Freund unterwegs waren. Man muss wissen, dass in El Alto alles viel preiswerter ist, als irgendwo in der Nähe. Und da Ariane eine sehr ausgeprägte Vorliebe für bunte Aguayus hat – so heißen in Bolivien die traditionellen Tücher, die meist die Quechuadamen tragen – wurden da erst mal ein paar Schnäppchen gehandelt.
Was natürlich nicht fehlen darf auf einer Bolivientour ist der Salar de Uyuni, der größte Salzsee der Erde. Dieser Ort stand ganz oben auf meiner Liste. Von Uyuni aus fährt man ein wenig und schon sieht man auf dem Boden, wie alles weiß und salzig wird. Eine riesige Fläche die komplett von Salz überdeckt ist und einfach nicht enden zu scheint, ist schon sehr beeindruckend. Noch viel schöner wird aber alles, wenn Wasser ins Spiel kommt. In der Regenzeit sammelt sich über dem Salz nämlich eine dünne Schicht Wasser, sodass sich alles auf dieser Oberfläche widerspiegelt. Das sieht einfach einmalig aus.

Zur Tour gehörte auch die Besichtigung einiger Lagunen am nächsten Tag. Eine von ihnen beherbergte viele Flamingos, und das auf mehr als 4000m Höhe, ein sehr schönes Naturschauspiel. Es ist echt etwas Besonderes, wann man nur mit etwa 10 weiteren Personen an einem solchen Ort ist und ganz ungestört die Tiere beobachten kann.

Ein paar Tage später wurde es noch einmal besonders: Zusammen mit fast allen Freiwilligen aus der Nähe trafen wir uns in Tarabuco, einer der noch indigeneren Städte Boliviens. Hier sollte eine traditionelle Feier namens Pujllay mit besonderen Trachten und Tänzen stattfinden. Dabei befindet sich in der Mitte eine Gruppe aus Männern, die mit ihren Instrumenten Musik machen, darum tanzen Mädchen in ihren Trachten im Kreis. In einem weiteren äußeren Kreis laufen die Männer dann rhythmisch um das Spektakel und machen dabei mit den Glocken und Metallplättchen an ihren Schuhen den Takt. Außerdem gibt es in der Mitte des Platzes einen riesig hohen Turm, der mit lauter verschiedenen Dingen behangen war. Da hingen Früchte direkt neben Bierflaschen oder halben Rindern.
Einer der Tänzer war den Freiwilligen bereits bekannt: Pio. Pio hatte zu dem Spektakel eine eigene Theorie aufgestellt: Für ihn ist der große Turm, den man Pucara nennt, eine Opfergabe für die Verstorbenen der Stadt. Um sie dorthin zu locken, vollführen die Einwohner die Tänze und machen dafür ordentlich Lärm.

Natürlich war ich auch in Arianes eigentlichem Einsatzort: Sopachuy. Das Dorf ist echt ein toller Ort: Klein und familiär, jeder kennt jeden. Das wurde besonders deutlich, als Ariane und ich nach Hause laufen wollten: Alle paar Meter musste man stoppen, um jemanden zu begrüßen oder mich vorzustellen. Das schönste an Sopachuy ist aber defenitiv der Fluss, der zwischen einem kleinen Strand und einer Felsenwand liegt. Einfach schön!

Die letzte Station, bevor es für mich zum Rückflug wieder nach Peru ging, war Sucre. Die politische Hauptstadt Boliviens wird auch gerne als die weiße Stadt bezeichnet. Das schöne an Sucre ist, das die Stadt zwar groß ist, aber trotzdem sehr familiär und ruhig. Außer am letzten Abend: Wie schon erwähnt, hat Bolivien durch einen Krieg gegen Chile bereits vor 130 Jahren den Anschluss zum Meer verloren. Da jede Generation diesen tiefsitzenden Schmerz aber schön an die nächste weitergibt, trauern die Bolivianer heute noch bei jeder Möglichkeit um ihr verlorenes Meer. Das geht so weit, dass sie sich an besagtem Abend sogar auf den morgigen Tag des Meeres eingestimmt haben, indem praktisch jeder Soldat oder Polizist in Reih‘ und Glied mit blauen Laternen auf den Straßen stand. Halb Sucre wurde dadurch lahmgelegt. Bis heute können die Bolivianer nicht anerkennen, dass sie das Meer nicht mehr bei sich haben. Dieses Jahr sollen deshalb sogar neue Münzen mit Abbildungen vom Meer und Booten in Umlauf kommen.

IMG.Sucre.Nacht

Bei Nacht leuchtet Sucre wie ein Sternenhimmel.

Ich finde, dass Bolivien auch ohne Meer viele schöne Orte zu bieten hat, die es sich mehr als lohnt zu sehen. Mir hat die Reise dort echt Spaß gemacht und ich kann es nur jedem empfehlen, sich Bolivien einmal anzusehen. Oder ihr bleibt einfach gleich ein ganzes Jahr da! 😉

Quer durchs Latinoland – Teil I eines Gastbeitrages

Es ist mal wieder Zeit für ein Update aus Südamerika!
Besonders in den letzten Wochen ist viel passiert und das wollen wir Euch natürlich nicht vorenthalten: Richtig gelesen, Ariane war nicht alleine unterwegs, sondern mit mir. Ich bin Pia, eine sehr gute Freundin aus Deutschland, die zufällig zur bolivianischen Sommerzeit Semesterferien hatte, und die Chance ihres Lebens genutzt hat. Getroffen haben wir uns beide aber nicht in Bolivien, sondern bei gemeinsamen Freunden in Peru. Ihr merkt vielleicht schon, Verbindungen sind in Südamerika das A und O. 😉
Und woran denkt man als erstes bei Peru und Cusco? Natürlich Machu Picchu. Das war auch fast die erste Station für mich höhenungeübte Deutsche. Nach dem wir allerdings zu spät in der kulturellen Hauptstadt Cusco angekommen waren, konnten wir nur noch ein Taxi für die 5 Stunden Fahrt nach Hidroelectrica nehmen. Von dort aus muss man dann 2 Stunden über waghalsige Brücken und reißende Flüsse laufen, um in Aguas Calientes zu übernachten. Aber ich wäre nicht mit Ariane unterwegs gewesen, wenn man hier nicht wenigstens Zeit oder ein paar Bolivianos sparen könnte. Über kürzlich hergestellte Verbindungen konnten wir so kostenlos vor Aguas Calientes übernachten und dadurch zusätzliche Kosten und den Weg dorthin umgehen. An diese strickten Sparmaßnahmen war ich zu dem Zeitpunkt zwar noch nicht gewöhnt, aber das hat sich schnell eingestellt.
So, fehlt nur noch der schöne Aufstieg. Auf knapp 2,500m sollte man meinen, die Höhe sei das Problem – aber Nein. Der Feind trug einen anderen Namen: Treppenstufen! Und das über eine Stunde, ohne vorher gefrühstückt zu haben, um halb 5 Uhr morgens. Das war schön! Und das war noch nicht alles: Nach dieser halben Nahtoderfahrung ging es auch noch auf Wayna Picchu hoch, den größeren Bruder von Machu. Also spätestens da war mein Fitnesslevel auf dem höchsten der Gefühle.
Auch wenn sich das jetzt anstrengend anhört, aber der Ausblick und die wahnsinnig schönen Berge haben das alles mehr als entschädigt.

Was man so nah am Äquator und besonders auf dieser Höhe nicht unterschätzen sollte, ist die Sonne. Die logische Schlussfolgerung war, dass besonders meine helle Haut am Ende nicht mehr so hell, sondern unglaublich rot war.

Unten wieder angekommen, muss man natürlich zurückwandern. Dort haben wir dann einen Bus nach Cusco genommen. Da der Fahrer aber sehr entspannt war mit seiner Abfahrtzeit – was im Übrigen der Normalfall ist – sind wir sehr spät am Abend angekommen. Zurückblickend war das
vielleicht auch unser Glück. Denn so mussten wir in Cusco übernachten und haben am nächsten Tag den peruanischen Carnaval kennengelernt. In der Stadt werden dabei bunte Paraden aus verschiedenen Tänzen in farbenfrohen Trachten veranstaltet. Natürlich alles unter Beschuss von jeder Menge Wasserbomben und vor allem Schaum. Es hat riesen Spaß gemacht, weil wirklich jeder mitmacht. Egal ob jung oder alt, Peruaner oder Ausländer – man bleibt nicht trocken.

Am Tag danach ging dann die große Reise los: Ab nach Bolivien. Und Ariane hatte Geburtstag! Es war an diesem Tag also meine Aufgabe, jedem zu erzählen, wer heute das Geburtstagskind ist. So hat mir das zumindest Ariane erklärt. Für mich war das dazu noch der Start meiner ersten Backpackerreise überhaupt. In knapp drei Wochen wollten wir deshalb alles, was man in Bolivien gesehen haben muss bereisen. Um das zu krönen ging es direkt mit einer 10 Stundenfahrt zum Titicacasee los. Da der Bus DAS Fortbewegungsmittel für Langstrecken in Südamerika ist, sind die Busse dementsprechend ausgestattet. Und das bedeutet: Man kann es sich richtig bequem machen. Als wir morgens angekommen sind, gab es ein anderes Geburtstagskind für diesen Tag: mich.
Da der Titicacasee genau zwischen Peru und Bolivien liegt, teilen sich die beiden Länder den See. Das ist übrigens auch das einzige Wässerchen, dass Bolivien seit 130 Jahren besitzt, sehr zum Schmerz der bolivianischen Herzen. Aber während der Bootsfahrt zur Isla del Sol, bemerkt man, wie unglaublich groß der See riesig ist, sodass er glatt als Meer durchgehen könnte. Auf der Sonneninsel haben wir dann erst mal eine kleine Erkundungstour gemacht und die Insel bestaunt. Wunderschön und absolut ruhig. Der Wind dagegen war an diesem Tag sehr stark und das Wasser ganz blau. Rechts und links haben sich immer wieder spektakuläre Steinformationen erhoben und die einzigen Tiere die wir dort gesehen haben, war eine Schafherde, die ganz entspannt bei ein paar Ruinen gegrast hat.
Und weils so schön war gabs einen Tag später noch mal eine schöne Wanderung vom Norden der Insel zum Süden. Für drei Stunden befindet man sich dann in einer einmaligen Umgebung mit scheinbar unberührter Natur.

Weihnachtsfeier Schule und Weihnachten in Sopachuy

Schon deutlich früher als Weihnachten eigentlich ist, schon Ende November wurde in meiner Schule die Weihnachtsfeier abgehalten. Hier wurde mir das erste Mal so richtig bewusst, was für einen anderen Charakter Weihnachten im Vergleich zu Hause haben würde. Diese Feier für die gesamte Schule wird traditionellerweise immer von den 6. Klassen abgehalten, die damit auch ihre letzten Tage an der Schule feiern, da es das Ende des Schuljahres ist, und sie danach das Colegio besuchen. Genau so war es also auch dieses Jahr, die drei 6. Klassen hatten bunten Weihnachtsschmuck gebastelt und mit Zweigen eine Art Weihnachtsbaum gebaut, unter denen auch eine Krippe aufgebaut war. Die ganze Feier fand auf der Cancha der Schule statt, wo für die Ehrengäste, wie Bürgermeister und andere, eine Ehrentafel aufgebaut war. Da diese allerdings alle nicht kamen, durfte ich mit den Lehrern daran Platz nehmen und bereits das typische Weihnachtsgebäck Buñuelos kosten. Diese sind frittierte Teigstücke, die man mit Honig oder Syrup isst.
Nach ein paar Worten des Direktors und der Religionslehrerin gab es viele verschiedene kleine Theaterstücke von allen verschiedenen Klassenstufen aufgeführt. Besonders oft wurden Gleichnisse aus der Bibel dargestellt, so z.B. das der Saat, die auf viererlei Boden fällt, aus Matthäus 13,3. Außerdem dass des verlorenen Schafes aus Matthäus 18,10 und das des barmherzigen Samariters aus Lukas 10,30. Grade dieses sorgte für besondere Belustigung im Publikum, da dieses Gleichnis mit zwei echten Eseln aufgeführt wurde. Der eine der beiden war allerdings noch sehr jung, und hatte keine Lust an dem für ihn vorgesehenen Platz stehen zu bleiben, und lief stattdessen in der Cancha umher und knabberte an den Zweigen über der Krippe.
Ihren zweiten Einsatz fanden die Esel dann, als schließlich auch noch die Weihnachtsgeschichte vorgespielt wurde. Als zweites lebendiges Highlight kam hier allerdings auch noch ein eine Woche altes Baby in der Krippe liegend dazu. Alles in allem also eine eigentlich bekannte Geschichte, für mich allerdings Premiere in der Art der Besetzung der verschiedenen Akteure.
Besonders typisch für Sopachuy, aber auch Bolivien im Allgemeinen sind die Tänze zu Weihnachten. Also wurde von ausgewählten Schülern der 6. Klassen an der Weihnachtsfeier auch „Navidad“ getanzt, wo nach einer Weile auch ich eingeladen wurde mitzutanzen.
Auch am tatsächlichen Heiligen Abend dann haben Peter, Ann-Sophie und ich Navidad duchs Dorf getanzt, es war also gut, dass ich schon mal geübt hatte. Den ganzen Abend tanzten wieder verschiedene Tanzgruppen durchs Dorf, um dieses Mal dem Jesuskind die Ehre zu erweisen. Ein schöner Brauch wie wir Sopachuenos und unsere Freunde aus Alcalá, mit denen wir die gesamten Weihnachtstage verbrachten, finden.
Anders als in Deutschland ist der 24. in Bolivien allerdings nicht so wichtig wie die Weihnachtsfeiertage. Wir haben allerdings trotzdem versucht zumindest am Heiligabend an unseren Traditionen festzuhalten und festlich gegessen, und auch die Bescherung am Abend gemacht. Vor dieser haben wir natürlich auch Weihnachtslieder gesungen und die Weihnachtsgeschichte aus dem Evangelium nach Lukas gelesen.
Alles in allem also ein total gelungener Abend mit sehr guten Freunden. Ich hätte ihn nicht schöner verbringen können.

Außenschule Milanes

In der Woche bevor die Schulferien begonnen haben, hatte ich die besondere Freude mit meinem Direktor eine der Außenschulen besuchen zu dürfen. Die Unidad Educativa Sopachuy hat mehrere Außenschulen für die Kinder, die nicht im Dorf wohnen, sondern wirklich auf dem Campo, also Feld, deren Eltern also z.B. die Felder außerhalb bewirtschaften oder dort ihre Tiere halten. Zusammen mit meinem Direktor bin ich also knapp eine halbe Stunde auf dem Motorrad nach Milanes gefahren, einer kleinen Ansammlung von Häusern.
Vor Ort erwartete mich wie überall in jedem noch so kleinen bewohnten Fleckchen Erde in Bolivien eine Cancha, also ein Sportplatz. Rundherum stehen 3 kleine Häuschen, von dem das eine die Küche darstellt, wo das Essen der Kinder von einer Mutter zubereitet wird, und das andere den privaten Raum der Lehrerin. Das letzte der drei Häuser in dieser Ansammlung war ein Haus bestehend aus einem Raum, in dem der Unterricht abgehalten wird. Der Raum ist nicht besonders groß, da es auch nur sehr wenige Kinder sind, die diese Außenschule besuchen, nämlich nur acht, wovon eines erst im Kindergartenalter ist. Obwohl die Kinder aber keineswegs gleichaltrig sind, werden sie alle gemeinsam von einer einzigen Lehrerin unterrichtet. Wie genau sie das macht weiß ich nicht, aber ich hoffe, im Laufe meines Einsatzes hier auch noch mal mehr Einblick zu erhalten.
Der eigentliche Grund unseres Besuchs war die „Feria Educativa“, eine Veranstaltung die es in jeder Schule gibt, bei der alle Klassen und Lehrer präsentieren müssen, was sie im Laufe des Jahres erarbeitet haben. Zu diesem Zwecke waren in einem anderen, größeren und separaten Raum, der früher genutzt wurde, als es noch mehr Schüler gab, alle Materialien, Plakate und Handwerksarbeiten ausgestellt. Anhand dieser musste jedes einzelne Kind dann erläutern was es gelernt hatte, und wie jeweilige Dinge hergestellt wurden. Aber auch Sport und Musik kamen nicht zu kurz, die Kinder trugen ein Lied und einen Tanz vor, welche sie gemeinsam mit der Lehrerin einstudiert hatten. Abgerundet wurde der Ausflug und die Präsentation dann noch durch Essen aus selbstangepflanzten Produkten aus dem Garten.
Alles in allem ein toller Ausflug, der mir gezeigt hat, dass Schule nochmal ganz anders funktioniert auf dem Land, fließendes Wasser dort z.B. keineswegs selbstverständlich ist, noch viel weniger als im Dorf. Mir wurde aber auch bewusst, wie unterschiedlich eben doch die Möglichkeiten für die Kinder sind, die nicht im Dorf leben, und selbst zur Außenschule teilweise 2 Stunden laufen. Hier heißt Lehrersein, Flexibilität und Kreativität noch einmal etwas anderes.

Entrada de la Virgen de Remedios in Sopachuy

Viel Zeit ist vergangen seit ich mich das letzte Mal gemeldet habe, und eben so viel ist in der Zwischenzeit passiert. Ich habe viel Neues gesehen und erlebt und bei vielem mitgemacht. Eine der größten Attraktionen und ein prägendes Erlebnis für mich war die Entrada bei mir in Sopachuy. Manche von euch erinnern sich vielleicht an meinen Eintrag zur Entrada damals in Sucre, ganz zu Beginn meiner Zeit hier in Bolivien. Der Reiseführer sagt zu Entradas, dass es ein Fest ist, bei welchem ein Marien- oder Jungfrauenbildnis durch die Straßen des jeweiligen Ortes getragen wird, zu wessen Ehre dann getanzt wird. In Sucre war diese Jungfrau die Virgen de Guadalupe, aber fast jede Stadt oder jedes Dorf hat eine eigene Schutzheilige. So ist es bei mir im Dorf die Virgen de Remedios. Eine gesamte Woche stand im Zeichen dieser Feierlichkeiten, so gab es beispielsweise zu Beginn der Woche am Sonntagabend einen Gottesdienst im Freien für das gesamte Dorf, und an jedem der Abende bis zur Entrada am nächsten Samstag Dorffeiern auf der Plaza auf der begleitet von Live Musik das gesamte Dorf zusammen kam um zu tanzen und die Gemeinschaft zu genießen.  Der Höhepunkt dieser Woche war aber trotzdem ganz eindeutig die Entrada am Samstag. Ebenso wie in Sucre gab es viele verschiedene Tanzgruppen, die sich alle mehr oder weniger intensiv vorbereitet hatten, um zu Ehren der Virgen mit typischen bolivianischen Tänzen durchs Dorf zu tanzen. Manche Gruppen tanzten also Saya oder Chacarera, Cueca oder Morenada oder viele andere. Während Sara mit einer Gruppe aus dem Collegio den äußerst bunten und schnellen Tinkuy tanzte, flochten Ann-Sophie und ich uns zwei Zöpfe und warfen uns in kurze Röcke um mit einer Gruppe des Krankenhauses Diablada zu tanzen. Auch Peter tanzte dort mit, auch wenn man ihn auf den Bildern nicht erkennt, da er die vorgesehene Maske der männlichen Tänzer trug.  Typisch bolivianisch begann die Entrada und im Besonderen unser Tanz natürlich deutlich, mehrere Stunden später als angekündigt. Aber ich würde sagen, dass ich mich schnell daran gewöhnt habe, eine gewisse Veranlagung zum leichten später kommen war bei mir bereits in Deutschland ab und zu vorhanden.  Um den Tanz gut und authentisch darstellen und ausführen zu können, hatten Ann-Sophie, Peter und ich eine Woche im Voraus begonnen die Proben unserer Tanzgruppe zu besuchen. Zusätzlich dazu mussten wir für den Tag der Entrada Kostüme ausleihen, die eine Kunst darstellten, sie überhaupt richtig anzuziehen, geschweige denn darin zu tanzen, besonders für Peter mit seiner Maske. Bevor wir uns also zwei Stunden nach Anfangsbeginn zum verabredeten Startpunkt begaben, und trotzdem immer noch zu früh waren, haben wir die Gegenwart unserer treuen Freunde aus Alcalá genutzt, um mit deren professioneller Hilfe ein Fotoshooting in unseren Outfits zu machen.  Statt um 16h, wie ursprünglich angekündigt, haben wir dann doch erst gegen 20h zu tanzen begonnen, so dass es dann leider schon dunkel war, und zwischenzeitlich auch zu regnen begonnen hatte. Aber trotz dessen haben wir uns nicht klein kriegen lassen, sind begleitet von einer Blaskapelle tapfer ungefähr 4 Stunden durch das gesamte Dorf getanzt. Zu Ende der Route durchs Dorf haben wir dann noch ewig viele Runden auf der Plaza vor der Virgen gedreht, bis die einheimischen Tänzer schließlich vor dieser nieder gekniet haben um ihre Wünsche zu formulieren, die ihnen nach der Sage nach dem Tanz erfüllt werden sollten.  Für mich war auf keinen Fall die Virgen der Anreiz mitzutanzen, vielmehr sehe ich das eigentlich sehr kritisch. Stattdessen stand für mich das noch intensivere Erfahren der Tradition und Kultur im Vordergrund, und statt einer Virgen Ehre erweisen zu wollen, habe ich meine Gebete zum Schluss des Tanzes Yehova, Immanuel oder wie viele Namen er noch hat, an den Gott der Bibel gerichtet. So wie bereits J.S. Bach unter seine Kompositionen schrieb: S.D.G.- Soli Deo Gloria „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben. Niemand kommt zum Vater denn durch mich.“ Die Bibel; Johannes 14,6

Abenteuer Schule

Die letzten Einträge von mir haben fast alle von den Ausflügen erzählt, die ich ab und zu am Wochenende mache. Im letzten Eintrag habe ich diese als „Abenteuer“ bezeichnet. Das allerdings mit Abstand größte Abenteuer das ich hier erlebe ist aber in meiner Einsatzstelle in der Schule. Ich wollte nicht sofort davon berichten, sondern mir erst einen guten Überblick verschaffen bevor ich euch berichte. Jetzt nach fast 4 Wochen Arbeit dort, habe ich das Gefühl, dass dieser Zeitpunkt gekommen ist.

Wie ganz am Anfang bereits erwähnt, arbeite ich von Montag bis Freitag von 8-13h in der Grundschule Juan Vossing, die hier allerdings von der 1. bis zur 6. Klasse geht. Pro Tag sind es drei Einheiten, die jeweils 90 Minuten lang sind, also soviel wie eine Doppelstunde Unterricht in Deutschland, mit der Ausnahme dass es hier keine fünf Minuten Pause nach 45 Minuten gibt. Fünf Tage die Woche und jeden Tag drei verschiedene Klassen ergibt 15 Klassen, was schon eine sehr große Menge ist wie ich finde, besonders das Namen lernen ist nicht sehr leicht bei pro Klasse um die 25 Schüler. Jetzt kann ich aber doch aus jeder Klasse schon um die 7-10, manchmal noch mehr Namen, meistens die der Chaoten, was ich etwas schade finde, da neben denen die andern dann leider doch etwas untergehen. Respekt ist nämlich genau das Stichwort.

Eigentlich ist es so gedacht, dass die Lehrer während meines Unterrichts mit im Raum sind und eventuell auch noch mitlernen. Zu Beginn hat dies allerdings leider gar nicht geklappt, so dass ich vor fast allen Klassen zu Beginn alleine stand, und das war nicht ganz einfach. Da die Kinder wissen, dass ich eine Freiwillige bin und jedes Jahr wieder eine neue kommt, ist mein Eindruck, dass manche komplett ihre Grenzen austesten möchten und dass besonders in der ersten Stunde. Zu Beginn hatte ich also recht viel zu kämpfen und musste Strenge und Konsequenz zeigen, indem ich die gößten Störer aus dem Unterricht geschickt habe. Mittlerweile habe ich aber das Gefühl, dass alles sich deutlich besser eingespielt hat, grade weil ich jetzt schon mehr Namen kenne. Trotzdem ist es manchmal noch so, dass ich dann doch nochmal einige rauswerfen muss.

Zu meinem Unterricht an sich: Zu Beginn meiner Zeit als Englischlehrerin hier habe ich in jeder Klasse ersteinmal getestet wieviel sie können, wieviel aus den Jahren davor hängen geblieben war. Leider oft nicht besonders viel, auf „Good morning!“ habe ich noch eine Antwort bekommen, bei „How are you?“ hat es bei fast allen aufgehört. Nachdem ich dann diesen ersten Test gemacht hatte, auf welchem Stand die jeweiligen Klasse sich befinden, habe ich immer improvisiert, mir schnell überlegt was ich in dieser ersten Stunde noch weiter sinnvolles mit ihnen tun konnte. Was fast überall gut im Gedächtnis geblieben war, waren die Farben, so dass ich besonders in der 2. Klasse Figuren an die Tafel gemalt habe, deren Kleidungsstücke ich mit den englischen Farbnamen beschriftet habe. So waren sie glücklich weil sie malen konnten, und es hat doch noch einen Lerneffekt gehabt. Die 2. Klasse beginnt allerdings grade erst mit Englisch, und sind auch generell noch sehr verspielt, so dass ich mir auch schnell kleine Spiele ausdenken musste, da sie nicht so lange konzentriert bleiben können. Was total gut gezogen hat, war ihnen „right and left“, links und rechts bei zu bringen, sie dann je nach dem was ich gesagt habe die Hände heben zu lassen und daraus nach ein paar Proberunden einen Wettbewerb mit ausscheiden wenn man es falsche gemacht hat zu machen.

Doch habe ich auch schon feststellen müssen, dass manche Sachen die ich mir überlegt habe, nicht funktioniert haben, ich damit ganz böse ins Wasser gefallen bin. In einer besonders lernbereiten, engagierten und intelligenten 2. Klasse wollte ich eine Art Menschen Memory mit den Farbnamen spielen. Immer zu zweit sollten die Kinder sich zusammen finden und ich habe den Zweiergruppen dann eine Farbe zugeteilt. Das eine Kind sollte die jeweilige Farbe dann auf Spanisch, und das andere auf Englisch sagen, also z.B. „verde“ und „green“. Davor hatte ich zwei Kinder zum Warten rausgeschickt, die dann wie in einem Memory zwei Kinder aufrufen sollten, die im besten Falle die gleiche Farbe waren. Obwohl ich anfangs zuversichtlich war, da die Kinder selbst die englischen Namen gut aussprechen konnten, ist mein Plan doch nicht aufgegangen, da fast alle Kinder ihre Farbe, sei es auf Spanisch oder Englisch schlichtweg vergessen hatten.

In der 3. Klasse hat dieses Spiel dann schon besser funktioniert, wo ich es allerdings nicht mit Farben, sondern den Monaten, die ich mit der einen Klasse schon erarbeitet habe, gespielt habe. Nach der Erfahrung vom ersten Mal habe ich die Kinder dort zusätzlich zu ihrem Monat noch eine gleiche Bewegung machen lassen, so dass man auch daran die Pärchen erkennen konnte.

In den älteren Klassen habe ich sonst auch schon viel über Musik laufen lassen, „If you´re happy and you know it“ kann ich jetzt in und auswendig. Anfangs habe ich nur mitgesungen, aber neuerdings lasse ich sie auch alleine singen und begleite sie dazu auf meiner Quena, dieser Flöte von der ich schonmal erzählt habe. Da ich allerdings auch schon ein paar Lieder von hier gelernt habe, sei es zu singen oder auch auf der Quena zu spielen, bin ich sonst manchmal wenn sie unaufmerksam wurden auch dazu übergegangen, sie die ihnen schon bekannten Lieder singen zu lassen, bei denen ich sie dann auch begleitet habe. Sonst habe ich teilweise schon die Wochentage, die Bestandteile meines Schulranzens und die Vorstellung von sich selbst erarbeitet. Als eher unkonventionell kann man glaube ich meine Vermittlung von Vokabeln bezeichnen. Da ich ja kein Buch oder so etwas zur Hand habe, und weiß, dass die Kinder es unglaublich lieben, wenn man ihnen Geschichten und Sagen erzählt, habe ich ihnen von einer Sage aus meiner Gegend erzählt. Anhand der Sage der Loreley habe ich ihnen die wichtigsten Vokabeln aus dieser Sage nähergebracht, indem ich die Geschichte in Stücken immer erst auf Englisch und dann auf Spanisch erzählt habe, und dann die Vokabeln an die Tafel geschrieben habe. Danach habe ich sie immer malen lassen, wie sie sich das ganze vorstellen, und sie dann die Sachen die sie bereits abgeschrieben hatten erneut beschriften lassen. Die Vokabeln waren sowas wie Fluss, Berge, Boote…

Doch auch ich selbst lerne noch sehr viel aus dem Unterricht hier, da es eigentlich so gedacht ist, dass eine Woche Englisch, die andere Quechua unterrichtet wird. In dieser Quechua Woche lerne ich entweder Quechua, oder wenn die Lehrer kein Quechua vorbereitet haben, unterstütze ich den Musiklehrer im Unterricht, wo ich die typischen Lieder und Tänze kennenlerne, und ihm zur Hand gehe mit dem was grade so zu tun ist. Manchmal die Anwesenheit überprüfen, kurz mal den Unterricht übernehmen, oder auch wenn ich ein Lied schon gelernt habe, es mit einer Gruppe der Klasse einzuüben.

Genau, soweit zu meinem Alltag hier! Wie ihr bestimmt gemerkt habt, ist es also schon vielfältig, grade durch diese Quechuawoche, wofür ich sehr dankbar bin!

Entrada de la Virgen de Guadalupe

Über das Ereignis was am 8. und 9.9. in Sucre stattgefunden hat, sagt der Reiseführer, dass ein Marienbildnis durch die Straßen Sucres getragen wird und dieser Zug von über 80 unterschiedlichen Tanz- und Musikgruppen begleitet wird. Als ich das jetzt gelesen habe, nachdem ich das Fest schon erlebt hatte, war ich unglaublich erstaunt, wie man so eine unglaublich nüchterne und trockene Zusammenfassung eines so spektakulären und eindrucksvollen Events schreiben kann.
Die Stadt war nicht mehr wieder zu erkennen als wir pünktlich zur besagten Entrada zurück in der Stadt waren. Die Hauptstraßen waren komplett gesperrt, so dass es in sonst unbefahreneren Straßen plötzlich einen unglaublichen Verkehr gab während die Straßen rund um die Plaza 25 de Mayo, sonst immer äußerst viel befahren, plötzlich ohne Bedenken zu Fuß zu überqueren waren, da hier der Verkehr komplett zum Erliegen gekommen war. Durch die gesamte Stadt, hauptsächlich auf den abgesperrten Straßen, sollte nämlich der Zug der Tänzer und Musiker ziehen, die zu Ehren der Virgen de Guadalupe tanzten und musizierten um sich so einen Wunsch zu ersingen und -tanzen. Dass dieser nach den teilweise 5-6 Stunden andauernden Strapazen in Erfüllung geht ist der Anreiz für viele sich daran zu beteiligen. In gewisser Weise weist dieses Fest also eine Ähnlichkeit mit Fasching in Deutschland auf, wenn gleich doch aber das, was ich hier gesehen habe, alles mir bereits bekannte an Faschingsfesten nocheinmal in Längen übertrifft!

Ich kann nicht sagen, wie viele Tänzer und Musiker im Laufe des Tages an mir vorbeigezogen sind, doch aber, dass alle verschiedenen Gruppen sich versucht haben an Pracht, Eleganz und guter Laune zu überbieten. Unsere doch noch sehr touristischen Augen konnten sich nicht satt sehen an der Farbenfreude und Kreativität der traditionellen bolivianischen Kleidung, die hier durch viele verschiedene Tänze zur Schau gestellt wurde. Gesehen haben wir landestypische Tänze wie Tinkuy, Morenada, Carporales und Diablada, allesamt unterschiedlich und doch gleich beeindruckend und egreifend. Es war toll teils kurze, glitzernde Röcke oder manchmal dann doch schwingende Tellerröcke aus den jeweiligen Regionen Boliviens zu sehen, getanzt von Frauen und Männern, Kindern und Senioren, mal allein, mal zu zweit. Es war schwer Bilder zu machen, da die Tänzer eigentlich durchgehend in Bewegung waren, doch hoffe ich, euch trotzdem einen Eindruck davon durch die Bilder geben zu können. Zu betrachten war der Spaß außerdem am allerbesten von Tribünen die entlang der gesamten Strecke aufgestellt waren, an denen der Reihe nach der gesamte Zug vorüberzog.

Schwer erstaunt war ich, als dieses gesamte Ereignis mit Einbruch der Dunkelheit noch beeindruckender wurde, da jetzt noch Pyrotechnik eingesetzt wurde. Die teilweise also eh schon stark glitzernden Tanzgruppen arbeiteten sich jetzt also inmitten von Funkennebel und Feuervorhängen vorwärts, ebenso die Musikgruppen die immer auf dem Fuß folgten. Auch diese hatten übrigens oft eine bestimmte Choreographie um sich nach vorne zu bewegen und die Instrumente zu schwingen.

Wer sich an den Eintrag über meinen Besuch im Masken Museum erinnert: Auch hier wurden viele typische und atemberaubende Masken zum Tanzen benutzt, die wenn sie tatsächlich benutzt werden, noch viel mehr Aufsehen erregen, als wenn sie lediglich im Museum hängen. Es war eine Freude für mich, die schier nicht enden wollende Kreativität und Komplexität in Bezug auf Farbkombinationen und Konstruktion der einzelnen Masken zu sehen. Bei manch einer besonders bunten Jacke oder Rock fiel mir noch einmal intensiver auf, wie reich dieses Land doch an Kultur und Traditionen ist und wie dankbar ich für das Privileg bin, dies kennen lernen zu dürfen.

An dieser Stelle möchte ich mich sehr herzlich bei denen bedanken, die mein Abenteuer und meinen Dienst hier auch finanziell mit unterstützen. Trotzdem ist es allerdings leider noch so, dass mir noch sehr viel Geld auf meinem Konto bei Volunta mit den zu erbringenden Spenden fehlt.

Ich möchte es euch allen also nocheinmal sehr an Herz legen, mich mit einem finanziellen Betrag mitzufördern und so mein Auslandsjahr mitzufinanzieren. Ich freue mich über jede Spende, und auch über jede Anteilnahme und Rückmeldung! Für den schönen Fall der Fälle: die Kontonummer findet sich direkt links unten auf dem Blog.

Viele Grüße aus Sopachuy, eure Ariane

Sopachuy!

Fast auf den Tag genau ist das nun seit 4 Wochen der Name meiner neuen Heimat. Es ist also mehr als ein erster Eindruck den ich in der Zeit vom Dorf gewonnen habe. Sopachuy ist ein schönes kleines Dorf umgeben von Bergen und vielen Bäumen und Sträuchern. Viele Straßen sind im Moment im Prozess der Asphaltierung, ähnlich wie in Rüsselsheim als ich geflogen bin. Hier geschieht dies allerdings nicht um sich für den Hessentag von seiner besten Seite zu zeigen, sondern aus Gründen der Zweckmässigkeit. Wenn es hier stark regnet, was jetzt immer öfter vorkommen wird, da wir jetzt in die Regenzeit kommen, sind die Sandstraßen kaum passierbar wegen des vielen Schlamms und der großen Pfützen die sich darauf bilden.
Hier vor Ort lebe ich mit meinen Mitfreiwilligen Ann-Sophie, Peter und Sara in einer Gastfamilie. Unsere Gastmutter heißt Mariela, sie ist Lehrerin an der 3 Minuten von unserem Haus entfernten Grundschule. Seit dem 5.9. Gebe auch ich dort mein Bestes in der Vermittlung von Englisch an die Kinder von der 2.-6. Klasse. Neben Mariela wohnen hier auch noch ihre zwei Kinder mit uns, die 12 und 8 sind und das 1 Jahr alte Baby der ältesten Tochter, die jedoch nicht hier mit uns im Haus wohnt. Wie bereits erwähnt, liegt das Haus sehr nah an meiner Einsatzstelle in der Grundschule und auch in direkter Nähe zum Krankenhaus des Ortes, in dem Ann- Sophie sich probiert. Sonst kann man zum Haus sagen, dass es nicht unbedingt das größte ist, weswegen wir als Deutsche uns auch 2 Doppelzimmer teilen. Auch die Küche ist sehr platzsparend angelegt, wer unsere Küche in Deutschland kennt: Diese hier ist nocheinmal nur halb so groß, und selbst unsre deutsche Küche ist ein kleines Modell. Was überraschend gut klappt, ist die Benutzung des Badezimmers. Die befürchteten Probleme, da es ja 7 Leute sind die es sich teilen müssen, sind nicht eingetreten. Die Größe des Dorfes im Allgemeinen scheint auch gut zu sein, natürlich ist es eher klein, alles zu Fuß erreichbar, aber trotzdem gibt es wohl zwei Karaokebars, die allerdings leider noch nie offen hatten als wir gehen wollten, aber auch zwei normale Bars. Abgesehen davon gibt es kleine Läden um Dinge käuflich zu erwerben oder auch das Internet zu besuchen. Aber auch Fußball, Tischkicker und Basketball kann man hier gut auf der Cancha, dem Betonsportplatz, und in einem kleinen Raum spielen.  Was Sopachuy allerdings im Gegensatz zu vielen anderen Dörfern so unglaublich Schön macht, sind die zwei Flüsse von denen es eingerahmt wird. Durch die starken Regenfälle im Moment werden sie auch immer voller, so dass man  schon bald schwimmen gehen wird.
Zu meiner Arbeitsstelle: Ich arbeite an der Grundschule Juan Vossing, die nach einem deutschen Pastor benannt wurde. Dort gebe ich Montag bis Freitag von 8h-13h von der 2. -6. Klasse Englisch Unterricht. Es sind pro Tag drei Klassen, also 15 insgesamt, sodass ich um die 300 Kinder jede Woche im Unterricht sitzen habe. An außerordentlichen Ereignissen in der Schule möchte ich auf jeden Fall den 21.9. erwähnen, an dem nicht nur einer meiner lieben Brüder seinen Geburtstag gefeiert hat, sondern an dem hier unter anderem der „Dia del Estudiante“, Tag des Schülers gefeiert wird. Um diesen Tag zu feiern hat die gesamte Schule einen Ausflug an die Flüsse gemacht. Ein Ausflug hier hat allerdings noch einmal deutlich größere Ausmaße als ein Schulausflug in Deutschland. Dieser Ausflug war nicht nur Sache der Schüler und Lehrer, sondern der gesamten Familie. Zu Beginn des Tages kamen Väter mit ihren Pickups um die vielen Töpfe, Teller und Lebensmittel der jeweiligen Klasse ihres Kindes zum Fluß ein paar hundert Meter weiter weg zu fahren. Jede Klasse hatte zusätzlich 4-5 Mütter dabei, die, wie sich heraus stellen sollte, den ganzen Tag über nichts anderes tun würden als die Kinder zu bekochen und zu spülen. Bei meiner Klasse war sogar eine Oma und eine im 9. Monat schwangere Mutter mit dabei. Wie bereits erwähnt fand der Ausflug am Fluß statt, allerdings auf der anderen Seite. Das bedeutete, dass wir alle, Kinder, Lehrer, Mütter und Direktor, über eine Steinreihe im Wasser balancieren mussten. Allerdings nicht nur einmal da ja alles Gepäck mit rüber musste, angefangen bei Feuerholz, Gemüse, Zucker, Reis über Hühnerbeine, Fleisch und Obst. Eine äußerst rutschige und wacklige Angelegenheit. Dieser Ausflug war echt nochmal ein toller Einblick in andere Gewohnheiten und auch Freizeitbeschäftigungen für die Kinder. Es wurde sich gebadet, mit Tüchern Häuser zwischen den Sträuchern gebaut, viele Spiele gespielt und ich bin mit auf einen Berg gewandert. Zwischendrin wurden wir auch von einer Herde Kühe besucht, die sich wohl Hoffnung auf Futter einmal über den gesamten Platz zwischen allen Kindern hindurch bewegt haben.
Auch spannend zu sehen war das Jubiläum das hier letzte Woche gefeiert wurde. Ich fand es unglaublich lustig als ich erfahren habe, welches Alter gefeiert wird, da es grade in diesem Jahr bei meiner Schule Zuhause so ein Kampf war, ob man das 120-jährige Jubiläum feiert. Hier war es jetzt eine noch unglaublich viel krummere Zahl, nämlich 101 Jahre. Zu diesem Fest wurde die gesamte Schule zu Ehren Juan Vossings in schwarz- rot-gold herausgeputzt. Diese Farben sehe ich allerdings übrigens auch so schon jeden Montag. Vor Beginn des Unterrichts stellen alle Schüler sich in Reih und Glied auf, was bis dahin noch nichts besonderes ist, da dies jeden Morgen geschieht. Doch besonders ist aber, dass von der gesamten Schule die bolivianische Nationalhymne angestimmt wird während parallel dazu die bolivianische Flagge gehisst wird. Und nicht nur die bolivianische wird gehisst, sondern während das Lied der Schule gesungen wird auch die deutsche. Durch dieses Hissen werde ich hier mit mehr deutschem Nationalgefühl konfrontiert als Zuhause, außer natürlich zu
Zeiten der WM.
Sonst kann ich noch sagen, dass auch ich hier wieder am intensiven Lernen bin. Als persönliches Projekt für mich hatte mir schon vor meiner Reise vorgenommen, zumindest etwas Quechua zu lernen. Und damit habe ich jetzt auch gemeinsam mit einem Lehrer aus meiner Schule begonnen. Quechua ist eine Sprache der indigenen Bevölkerung Hier in meiner Region, in anderen wird Aymara oder Guarani gesprochen. Ich bin also wieder am Vokabeln lernen und Aussprache üben, die eine nochmal komplett andere ist als alles mir bekannte. Und auch die musikalische Leere, die meine Abreise in mein Leben durch die Trennung von meinem Klavier und meinen vielen Chören gerissen hat, habe ich zu füllen begonnen. Ich habe mir zwei Quenas, das ist eine Art Flöte, sieht aus wie eine Blockflöte, hat aber ein ganz anderes Atem-und Luftsystem, gekauft und bin jetzt täglich fleißig am üben. Unter anderem z.B. El Condor Pasa.

In diesem Sinne, die besten Grüße von hier von mir an alle interessierten Leser!

 

Ausflug Camino del Inka und Tarabuco

Es liegt zwar schon etwas zurück, aber trotzdem möchte ich noch von zwei schon knapp 2 Wochen zurückliegenden Ausflügen berichten:
Am 20.8. sind wir als große weltwärtsler Gruppe mit unserem Verantwortlichen Don Arturo mit einem Microbus in Richtung des ungefähr 1 1/2 Stunden entfernten Örtchens Chataquila gestartet, um dort eine Wanderung auf dem Camino del Inka, Weg des Inkas, zu machen. Der Weg dorthin war sehr abenteuerlich. Da der Bus zu wenig Plätze für alle hatte,  mussten wir teilweise stehen oder uns auf Schöße der anderen setzen. Manchmal mussten wir auch komplett aussteigen um den Bus zu entlasten, der unter der Steigung des Weges nach Chataquila hinauf doch sehr litt. Der Weg, den wir dann schließlich ungefähr 3 Stunden abwärts gelaufen sind, heißt Camino Prehispánico Chataquila-Chaunaca, und führte uns durch eine unglaubliche Natur und Vegetation mit einem Ausblick ohnegleichen. Wie immer musste ich auch hier feststellen, dass Bilder einen Ort nicht in seinem vollen Glanz abbilden können. Trotzdem habe ich ein paar gemacht, von denen ich hoffe, dass sie euch einen Eindruck geben können von dem was ich sehen durfte.
Der zweite Ausflug von dem ich berichten möchte fand direkt am nächsten Tag statt. Gemeinsam mit Pio und noch 7 weiteren, also insgesamt zu 9. sind wir nach Tarabuco, einer Stadt ungefähr eine Stunde entfernt gefahren. Ein weiteres Erlebnis für sich war die Begegnung mit Pio, deswegen erst einmal ein paar Worte zu ihm: Durch einen bloßen Zufall habe ich ihn eines Abends im Hostel Kultur Berlin kennengelernt. Innerhalb des 3 stündigen Gesprächs was darauf folgte stellte sich heraus, dass Pio 10 Jahre lang in Mainz gewohnt, währenddessen Politikwissenschaften und Romanistik studiert hatte und über eine Ecke auch meine Mama von ihrer ersten Zeit in Deutschland kennt. Wieder mal eine dieser Begegnungen, nach denen man einfach nur geflasht ist, wie klein die Welt teilweise doch ist. Da Pio eine tolle Zeit in Deutschland gehabt hat, bot er uns an, uns als Dankeschön für seine Erfahrungen im, wie er sagt „Vaterland“, nun im Gegenzug sein Land zu zeigen. Besonders toll daran war, dass er ein so unglaublich großes Wissen über die Kultur und Traditionen seines Landes hat, welches er gern und großzügig mit uns teilte.
Erster Halt auf unserer Fahrt war am Wegesrand um Bilder von den ersten von uns gesehenen Lamas zu machen. Zweiter Halt war in der Stadt Yamparaez, in der ein Denkmal an den Krieg der Indios von Tarabuco gegen die Spanier steht. Das Denkmal stellt einen Stier mit einem Mann dar. Die Indios gewannen diesen Krieg, deswegen fingen sie an als Zeichen des Sieges die spanische Kleidung in ironisierter Form zu tragen: Statt Metallhelmen und engen Hosen trugen sie Lederhelme und breite Hosen. Die heute als typisch angesehene Kleidung der indigenen Bevölkerung ist nach Pio also ursprünglich spanisch. Nach einem Rundgang durch die sonntags sehr touristische Stadt haben wir uns am Mittag mit dem Auto auf den Weg in die Berge rund um Tarabuco gemacht. Auch diese Fahrt stand der beschriebenen Reise zum Camino del Inka in Sachen Spannungs- und Überraschungsfaktor in nichts nach.  Am Fuß des höchsten Berges in dieser Region, des K ara K ara, parkten wir das Auto und machten uns daran, die Spitze zu erklimmen. Aber hier kann man wirklich sagen, dass tatsächlich auch schon der Weg das Ziel war, denn mit jedem Schritt der uns höher hinausführte eröffnete sich uns etwas mehr der Pracht und des Reichtums dieser Landschaft. Man konnte bis zum Ende des Horizonts blicken, welcher geformt wurde durch die verschiedenen anderen Berge rund um uns herum. Die Farbschattierungen der Berge und Täler die man dabei beobachten konnte, und die sich mit dem Untergehen der Sonne auch stetig veränderten, machten uns sprachlos und dankbar dafür diesen Moment dort oben, auf 3400m Höhe erleben zu dürfen. Mich persönlich ließ es auch mit unglaublicher Intensität erkennen, wie klein und hilflos ich als Mensch doch tatsächlich bin. Dass dieses Leben, die Erfahrungen die ich hier sammeln darf Privilegien und keinesfalls selbstverständlich sind. Aber es ließ mich auch wieder neu erstaunen vor dieser Kreativität die dieser eine allmächtige Schöpfer genutzt hatte, um unseren Planeten zu formen und mit einer Komplexität auszustatten, die kein Maler jemals auf Papier, noch ein Fotograf auf einem Foto festhalten kann.
Fun Fact: In Bolivien sind sehr viele Häuser unfertig, da man solange sie nicht fertig sind keine Steuern bezahlt.
4 Regionen

Auf der Recoleta mit Sucre im Hintergrund

Auf der Recoleta mit Sucre im Hintergrund

Eine der verrückten Masken

Eine der verrückten Masken

TÜV approved

TÜV approved

Yotala mit Verónica, Juan Carlos und Fabiana

Yotala mit Verónica, Juan Carlos und Fabiana

Hallo! Bevor ich von meinen letzten Tagen berichte: Ich bin immer noch in Sucre und noch nicht in meinem Einsatzort Sopachuy. Voraussichtlich werde ich dort am Wochenende  meine 5 Stunden im Bus hinfahren. Das ist aber noch nicht sicher, noch eine Überraschung.
Den letzten Sonntag, den 14., habe ich komplett mit Einheimischen die hier ein paar Cuadras, also ein paar Straßen, von mir entfernt wohnen verbracht. Wie so oft sind das wieder Verbindungen auf die ich dank meiner Mutter zurückgreifen kann. Das ist echt toll, weil man so nochmal die Stadt ganz anders erlebt als wenn man nur als Touri durch die Stadt läuft. Mit ihnen gemeinsam bin ich auf einen Aussichtspunkt gelaufen, der von den Einheimischen Recoleta genannt wird. Man muss zwar schon ein ordentliches Stückchen äußerst steil hinaufstapfen aber der Ausblick von da oben auf Sucre ist die Anstrengung auf jeden Fall wert! Der Platz der sich oben neben dem Aussichtspunkt befindet, ist tatsächlich sogar auch der Platz auf dem die gesamte Stadt 1585 gegründet wurde, also schon sehr alt. Bolivien und grade Sucre ist generell in der lateinamerikanischen Unabhängigkeitsbewegung von großer Bedeutung, aber darauf gehe ich später einmal nochmal genauer ein.
Später am Tag sind wir mit dem Auto der Familie in ein Dörfchen ungefähr 20 Minuten von Sucre entfernt gefahren. Höhepunkt dieses Besuchs in Yotala war die höchst abenteuerliche Überquerung einer Brücke über ein kleines Flüßchen. Schon als ich die Brücke nur gesehen habe, musste ich sehr über die Konstruktion schmunzeln. Sehr abenteuerlich war sie gebaut, ich hätte solch ein Objekt in der Form eher in einem Kletterwald mit Sicherung erwartet. Die ganze Zeit habe ich darüber nachgedacht, welche deutsche Behörde für die Qualitätssicherung von Spielplätzen verantworlich ist. Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass es wohl das Ordnungsamt ist, und dass dieses die Brücke nicht als sicher eklärt hätte. Zumindest wenn man abstehende Holzplanken, fehlende Schrauben und generell eine hohe Fragilität als Richtlinien nimmt. Der Besuch dieses Dorfes war trotzdem äußerst schön, vorallem weil ich die Umgebung von Sucre noch besser kennenlernen konnte.
Hier in Sucre gibt es recht viele Museen, von denen ich bereits eines besucht habe, indem Masken für die traditionellen Tänze Boliviens ausgestellt sind. Man unterteilt Bolivien in die 4 Regionen Amazonía, Andes, Charo und Oriente. Die Masken unterscheiden sich voneinander sehr, sei es in Farbenpracht, Form und Gestalt und Größe. Ich werde versuchen ein paar Bilder von denen die ich am eindrücklichsten fand hochzuladen.
Ein Ort, den es sich wirklich zu besuchen lohnt wenn man in Sucre ist, ist die Kirche San Felipe de Neri. Sucre ist eine Stadt mit grade einmal 5 Hochhäusern, alle Gebäude sonst sind nicht so hoch. In San Felipe de Neri kann man allerdings bis zu den Glockentürmen hochsteigen, sodass man eine herrliche Sicht über die Stadt hat. Aber auch allein das Gebäude an sich lohnt sich, es ist ganz in weiß gehalten und hat eine wunderbare Architektur an sich wie ich finde. Auch an diesen Ort wurde ich wunderbar von Verónica begleitet. 🙂
Allerdings konnten wir als Gruppe die Stadt nach einer Woche dann doch erstmal nicht mehr sehen, so dass wir uns am 17.8., letzten Mittwoch, auf den Weg gemacht haben, um einen der zwei Berge oder Hügel, die Sucre umgeben, zu besteigen. Dieser rund 3000m hohe Berg wird sonst nur in der Karwoche und zu Ostern von den Einheimischen hochgepilgert. Nachdem wir noch einen weiteren Deutschen auf der Spitze getroffen haben, sind wir zu dem Schluss gekommen, dass keine anderen Touristen außer Deutschen und Schweizern auf die Idee kommen, die mehr als 1000 Stufen hoch zu kraxeln. 😉 Wie auch immer: Es hat sich gelohnt! 🙂

Hola Bolivia!

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Hier also jetzt mein erstes Lebenszeichen aus Bolivien!
Und zwar leider erst jetzt, weil in dieser einen Woche so unglaublich viel passiert ist, dass es mir echt schwer gefallen ist, mich hinzusetzen und zu reflektieren.


Jetzt endlich, nach einem unglaublich schönen Abschied am Frankfurter Flughafen hat meine Reise gen Südamerika begonnen.
An dieser Stelle möchte ich nochmal ein herzliches Dankeschön an alle aussprechen, die sich die Zeit genommen haben zu kommen und die so unglaublich viel Kreativität und Fantasie in die Abschiedsgeschenke gesteckt haben. Ich habe mich unglaublich über alles gefreut, oft schmuzeln müssen und so manche Tränen verdrücken  müssen. 🙂
Nach Zwischenstopps in Sao Paulo und Asunsión sind wir alle wohlbehalten in Santa Cruz de la Sierra, Bolivia angekommen. Dort wurden wir von unserem Verantwortlichen abgeholt und mitsamt unserem Gepäck in unser Hostel gebracht. Da allerdings fast alle das Gepäckmaximum von 2x23kg pro Person von unserer Fluggesellschaft TAM voll ausgenutzt haben, erwies sich bereits die erste Busfahrt als abenteuerlich. Selten bin ich in einem so voll bepackten Gefährt gefahren. Nach einer Einführung und Abendessen an diesem, und weiteren Informationen am darauffolgenden Tag setzten wir unsere Reise nach Sucre, der Hauptstadt Boliviens, fort.
In Bolivien hat der Zug den Kampf gegen die Busse verloren, so dass man hier fast alles nur per Bus erreicht. Da Bolivien allerdings 3x so groß wie Deutschland ist, und noch nicht alle Straßen asphaltiert sind, kann es gut sein, dass man so wie wir 14 Stunden im Bus verbringt. Tatsächlich ist es aber zum Glück nicht so schlimm gewesen wie es sich anhört und wir auch zunächst dachten, da die Sitzplätze hier deutlich größer und komfortabler sind. Es ist also kein Problem während der Nacht zu schlafen, da man meist durch die Nacht fährt. Bereits hier im Bus hatten wir die Gelegenheit, einen unglaublich schönen Sonnenauf- und -untergang in den Bergen zu sehen.
Auch hier in Sucre wurden wir früh am Morgen des 11. gegen 7:00 abgeholt und in unser nächstes Hostel gebracht. An diesem Tag sollten wir die erste von vielen weiteren Begegnungen mit bolivianischen Behörden haben. Dazu mussten von uns erst noch Bilder gemacht werden, bevor wir mit diesen dann später am Tag zur Polizei gehen konnten. Erst danach hatte ich Gelegenheit die Stadt und speziell den Mercado Central zu erkunden. Zur Stadt werde ich später noch ein paar Worte verlieren, also erstmal zum Markt: Hier bekommt man wirklich fast alles, von Früchten, Brot und Fleisch bis zu Klamotten, Technik und Drogerieartikeln. Es ist wirklich ein Erlebnis für sich.
Der Freitag begann sehr früh für uns, schon um 6:30 haben wir uns auf den Weg ins Krankenhaus gemacht, um für Gesundheitstest eine Blutprobe abzugeben. Neben einem weiteren Gang zu einer anderen Polizeistation führte uns unser Weg heute außerdem noch zu Interpol, um weitere Papiere zu unterzeichnen. Wirklich spannend wurde es allerdings erst am Abend bei uns im Hostel. Um dem Namen des Hostels „Kultur Berlin“ gerecht zu werden, gab es an besagtem Freitag einen bolivianischen Abend, an dem uns typische Tänze von überall aus Bolivien präsentiert wurden. Das war echt total beeindruckend, junge Tänzer die so hingebungsvoll und voller Freude ihre Kultur und Traditionen pflegen. Eine Kultur die jetzt noch so fremd und trotzdem so anziehend wirkt. Vorallem die bunten Farben der Kostüme.

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